0 / 100

Good At Artikel: Tiny Bernhard

Während Unternehmen permanent neues Wissen vermitteln, Systeme einführen und interne Lernangebote aufbauen müssen, gewinnt ein Berufsfeld deutlich an Gewicht: Instructional Design.

Christina Tiny Bernhard erklärt, warum die Rolle gerade jetzt relevant ist, welche Skills gefragt sind und weshalb sie intern verankert sein sollte.

Instructional Design: Das interne Jobfeld, das gerade an Gewicht gewinnt

Lebenslanges Lernen ist kein Buzzword mehr, sondern betrieblicher Alltag. Tools ändern sich im Halbjahrestakt, Compliance-Anforderungen wachsen, und in vielen Unternehmen sitzen Fachabteilungen wie kleine Inseln nebeneinander – jede mit ihrem eigenen Know-how, das kaum nach außen dringt. Genau hier setzt ein Berufsfeld an, das in den letzten Jahren stark an Gewicht gewonnen hat: Instructional Design.

In diesem Artikel möchte ich zeigen, welche Skills Grafiker:innen und UX-Leute für dieses Feld bereits mitbringen – und an welchen Stellen sich der Quereinstieg tatsächlich lohnt.

Was ist Instructional Design ĂĽberhaupt?

Instructional Design ist die systematische Konzeption von Lernangeboten – in Unternehmen meist in Form von E-Learnings, Onboarding-Modulen, internen Kursen oder Wissensdatenbanken. Es geht nicht darum, hübsche Folien zu bauen, sondern darum, Lernziele zu definieren, didaktisch sinnvoll aufzubereiten und so umzusetzen, dass Mitarbeiter:innen danach tatsächlich etwas können, was sie vorher nicht konnten.

Man erkennt gleich: „Design“ meint hier nicht Grafik, sondern to design – Konzepte entwerfen, konzipieren, planen. Es geht um das Lösen eines Problems: Wie bringe ich Menschen dazu, etwas Bestimmtes zu lernen? Und genau dafĂĽr bringen erfahrene Grafiker:innen und UX-Designer:innen mehr mit, als sie oft selbst glauben – Strukturdenken, Zielgruppenorientierung, ein GefĂĽhl fĂĽr Informationshierarchien.

Gleichzeitig hat die Digitalisierung die Anforderungen massiv verschoben. Früher reichte es, einmal im Jahr einen Präsenztag zu organisieren. Heute erwarten Unternehmen – und zunehmend auch Mitarbeiter:innen – dass Lerninhalte on demand verfügbar sind, auf dem Handy funktionieren, in kleine Einheiten zerlegt sind (Stichwort Microlearning) und mit den Systemen verbunden sind, die sowieso schon genutzt werden (Teams, Slack, Intranet, LMS – also die Lernmanagement-Software).

Wo ist Instructional Design eingegliedert?

Die Rolle sitzt meist an der Schnittstelle zwischen interner Kommunikation und HR, genauer gesagt dem Bereich Learning & Development (L&D). Aus HR kommen die Anforderungen – Skill-Gaps, Onboarding-Bedarfe, gesetzliche Schulungspflichten –, aus der internen Kommunikation die Infrastruktur und das Gespür für Ton und Zielgruppe. Instructional Designer:innen übersetzen zwischen beiden Welten und machen aus Anforderungen tatsächlich nutzbare Lernangebote.

Welche Skills sind gefragt

Viele Punkte überschneiden sich mit Content Strategy, UX und Kommunikationsdesign – man merkt schnell, dass das Feld hybrid ist. Und genau deshalb ist es so schwer, jemanden zu finden, der das ganze Repertoire abdeckt.

1.Didaktik und Lerntheorie

Ohne didaktischen Hintergrund geht nichts. Wer Kurse schreibt, sollte Grundmodelle der Lernpsychologie kennen – und wissen, wie man Lernerfolg überhaupt misst. Der aktuelle Branchenstandard dafür ist nach wie vor das Kirkpatrick-Modell.

 

Praktische Didaktik-Erfahrung ist Gold wert – sei es durch jahrelange Lehrtätigkeit, Workshops oder Kurse. Wer nebenberuflich an einer Fachhochschule unterrichtet, kann dort oft eigene Weiterbildungen nutzen: An der USTP (ehemals FH St. Pölten) wird zum Beispiel das Certificate for Teaching Excellence angeboten.

https://www.ustp.at/de/audiences/lehrende/hochschuldidaktische-weiterbildung

2.Content-Erstellung

Hier kommt der größte Vorteil für Grafiker:innen und UX-Designer:innen zum Tragen. Ein großer Pluspunkt ist, wenn man Inhalte selbst produzieren kann: Infografiken, Videoschnitt, einfache Animationen. Das deckt den Großteil der internen E-Learnings ab.

Der Grund ist simpel: Niemand will sich stundenlang austauschbare Stock-Footage-Aneinanderreihungen anschauen.

Große Konzerne haben womöglich eigene Produktionsstudios, in denen Content produziert werden kann. Für Kreative aus der Social-Media- oder Content-Creator-Szene ist das ideal, um Content für Mitarbeiter:innen zu produzieren.

 

3.Content Design

Gute interne Lernangebote machen das Wissen anderer Abteilungen zugänglich – nicht in Form einer zweistündigen PowerPoint, sondern als kompakte, auffindbare Module. Genau das ist die Aufgabe von Content Design.

Content Design ist die Praxis, Inhalte so zu strukturieren und zu formulieren, dass Nutzer:innen damit ihr Ziel erreichen – klar, verständlich, im richtigen Format, zum richtigen Zeitpunkt. Für ein E-Learning-Modul heißt das konkret: Soll dieser Inhalt ein Video sein oder eine einseitige Checkliste? Gehört die Info in den Kurs – oder eher ins Intranet als Nachschlagewerk?

Wer tiefer einsteigen will: An der FH Joanneum in Graz gibt es den Master Content Strategy and Digital Communication – das weltweit einzige akademische Studium dieser Art, berufsbegleitend und komplett auf Englisch. Im Herbst startet ein neuer Jahrgang.

https://www.fh-joanneum.at/content-strategie-und-digitale-kommunikation/master/

4.UX-Kenntnisse

Sobald ein Kurs online ist, ist er ein Produkt. Navigation, Modulübergänge, Fortschrittsanzeigen, Feedback-Schleifen – das sind UX-Fragen. Ohne Grundverständnis funktioniert moderner Online-Content nicht. Für UX-Designer:innen ist das praktisch Heimspiel.

5.Microcopy

Button-Texte, Fehlermeldungen, Tooltips, Zwischenüberschriften. Jedes Wort in einem Lernmodul zählt. Microcopy ist einer der am meisten unterschätzten Skills im Instructional Design – und gleichzeitig einer der sichtbarsten Qualitätsindikatoren.

6.Bereitschaft, neue Tools zu lernen

Die Klassiker unter den E-Learning-Plattformen sind Articulate 360 und Moodle. Dazu kommen je nach Unternehmen LMS-Systeme wie SAP SuccessFactors, Cornerstone oder kleinere Tools. Wer hier souverän ist, spart dem Unternehmen Einarbeitungszeit – aber genauso wichtig ist die Bereitschaft, sich in neue Systeme einzuarbeiten, weil jedes Unternehmen seinen eigenen Stack hat.

https://www.articulate.com/de/360/rise/

https://moodle.org/?lang=de

7.Werbe- oder Kampagnenhintergrund

Wer aus der Werbung oder Kommunikation kommt, bringt wertvolles Bewusstsein mit: Ein neuer Kurs oder eine neue Plattform braucht eine kleine Kampagne – Teaser im Intranet, Ankündigung im Team-Meeting, Follow-up nach zwei Wochen, Reminder nach zwei Monaten, Erfolgsgeschichten aus frühen Nutzer:innen. Ein einzelner Slack-Post reicht nicht. Instructional Designer:innen, die das mitdenken und entsprechende Rollout-Pläne vorschlagen können, heben sich deutlich ab.

Warum Instructional Design eine interne Rolle sein sollte

Instructional Design klingt nach etwas, das man extern einkaufen kann: ein Projekt, ein Auftrag, ein fertiges Modul. Aber:

  • Inhalte mĂĽssen gepflegt werden. E-Learnings sind kein fertiges Produkt, sondern lebendige Systeme – ohne feste Verantwortung veralten sie schneller, als sie entstehen.
  • Zugang zu Fachabteilungen braucht Beziehungen. Interviews, Freigaben, Feedback-Runden laufen deutlich besser mit einer Kollegin als mit einer externen Dienstleisterin. Reine Asset-Produktion kann remote passieren, der Beziehungsaufbau nicht.
  • Kontextwissen ist die halbe Miete. Wer Prozesse, Kultur und Sprache des Unternehmens nicht kennt, baut an der Realität vorbei. Das lernt man nicht in einem Kick-off-Workshop.
  • Agenturen haben hohe Fluktuation. Bei jedem Projektwechsel geht Kontextwissen verloren.

Deshalb ist Instructional Design in den meisten Fällen eine Festanstellung.

Fazit

Wenn man diese Liste an Tätigkeiten durchgeht, sieht man schnell, wie groß der Umsetzungsteil ist. Instructional Design beschreibt zwar die Konzeption von Lehrunterlagen – aber genau hier haben Designer:innen mit didaktischen Kenntnissen einen echten Vorteil: Sie können vieles selbst umsetzen, was ihnen Tempo und Kontrolle über das Ergebnis gibt.

Instructional Design ist technischer als Grafikdesign. Wer didaktisches Verständnis mit UX, Content Design, CMS-Know-how und einem Gefühl für Microcopy kombiniert, bewegt sich in einem Feld, in dem Nachfrage und Budget gerade klar wachsen.

Die Rolle entfaltet ihren Wert aber erst dann, wenn sie intern verankert ist – als Teil von HR, Learning & Development oder interner Kommunikation. Unternehmen, die hier gerade aufbauen, sollten nicht den Fehler machen, das Thema in Einzelprojekte zu zerlegen. Und Fachkräfte, die darüber nachdenken, in welche Richtung sie sich entwickeln wollen, finden hier ein Berufsfeld, das Substanz hat, bleibt und sich in den nächsten Jahren eher noch ausdifferenzieren wird.

Introvertiert
Extrovertiert
Gewissenhaft
Flexibel
Offen
Beständig
Kooperativ
Kompetitiv
Impulsiv
Kontrolliert
Save Image bewerben
Dein Potential Objekt wir generiert.