„Alles verändert sich – doch die Titel bleiben gleich.“
Was spielt das fĂĽr eine Rolle?
Zeig mir deinen Titel und ich sag’ dir wer du bist?
Juniors, Seniors, Mid-Levels, Creative Directors, Managing Partner – und was willst du werden, wenn du groß bist? Das ewige Streben nach Anerkennung, verpackt in ein paar Buchstaben, die am liebsten auf einer Visitenkarte glänzen. Früher? Ein absolutes Must. Heute? Vielleicht doch etwas überflüssig? Don’t get me wrong (ich meine nicht die Visitenkarten – die liebe ich, ich sammle sie sogar, hehe). Aber brauchen wir wirklich noch Titel? Oder reicht ein Name, eine kurze Vorstellung und das Versprechen, dass man sich kümmert – egal, was ansteht?
Unsere Branche entwickelt sich rasant: ständig neue Technologien, neue Herausforderungen, neue Wege des Arbeitens. Gefühlt jede Stunde gibt es ein neues iOS-Update (extra das Apple-Beispiel, weil a) kaum Speicherplatz für so viele Updates und b) schon wieder eins?!). Und doch halten wir an einem System fest, das längst überholt sein sollte. Oder?
Seit Ewigkeiten beschäftigen mich so viele Fragen zu diesem Thema: Warum hält unsere Branche immer noch an diesem klassischen Titel-System fest? An einem System, das vielleicht mehr behindert als beflügelt? Ist das noch richtig, oder kann das schon weg? Es folgt einem veralteten Stufenmodell, das kaum noch zur Realität unserer Arbeit passt. Oder das extrem wenige und eingeschränkte Perspektiven bietet – vor allem für junge Generationen. Alles verändert sich – doch die Titel bleiben gleich. Und so mussten diese lauten Gedanken in meinem Kopf endlich raus auf ein weißes (digitales) Blatt Papier.
Von Fragen kommen Hinter-Fragen
Wenn ich mir meine bisherigen Karriereziele (und Anstrengungen) anschaue, lief das immer auf zwei Wörter hinaus: Creative Director. Doch ein kurzes Gespräch stellte alles auf den Kopf. Mein Teamlead fragte mich: „Was wäre eine Position, die wirklich zu dir passt?“ Ich antwortete, ohne zu zögern: „Creative Director.“ Er schaute mich an und sagte dann nur: „Think again.“ Eine Woche lang versuchte ich, eine neue Antwort darauf zu finden. Ich überlegte, welche Tätigkeiten ich liebe, was mich antreibt und wie ich dem Ganzen einen Namen geben könnte. Doch das war unmöglich. Ein kleiner Big Bang im Kopf und drei existenzielle Krisen später kam die Frage der Fragen: Warum hatte ich „Creative Director“ so reflexartig gesagt?
Spiral Alert: Dem folgten nur noch weitere Fragen. Warum hänge ich an diesen Titel? Macht mich der Titel kompetenter? Was muss ich können, was muss ich sein lassen? Wird mir ein falsches Bild vorgelebt (Anwälte, Cooperate etc.)? Liegt es daran, dass ich eine Frau bin? Und vor allem, wie komme ich hier weiter? Darf ich mich trauen, anders zu denken?
Autsch!
Ich muss es leider sagen: Als Frau hatte ich oft das Gefühl, dass mein Titel nicht ausreichte, um meine Stimme wirklich durchzusetzen oder mich als Rolle zu beschreiben. Ein besonders einschneidendes Erlebnis war, als mir als „Senior Creative“ der Zugang zu einem Dreh verweigert wurde – obwohl ich das Konzept erarbeitet und jedes Detail durchgeplant hatte. Der Kunde und das Team entschieden, dass jemand mit „Creative Director“ im Titel besser ankommen würde. Das tat weh. Nicht nur, weil es mich persönlich traf, sondern weil es mir zeigte, wie tief dieses Denken in unserer Branche verankert ist.
Und plötzlich fĂĽhlte ich mich gezwungen, einen höheren Titel anzustreben – weil ich mich verändern wollte, weil ich dachte, dass ich es muss, um gehört zu werden, um Entscheidungen treffen zu dĂĽrfen, um was zu bewegen, um eine Perspektive zu schaffen, um Karriere zu machen, um zu zeigen, in was ich gut bin. The only way is up. Und dann, ein “think again” & paar schlaflose Nächte später wurde mir das klar. Genau da ist das Problem: Ein System, das nicht fĂĽr Vielfalt gemacht ist, sondern fĂĽr Konformität. Uns mangelt es an Perspektiven und Flexibilität, Arbeitsstellen und Rollen zu schaffen, die individueller zugeschnitten sind, vieles beinhalten, vieles Aussagen und vieles bewirken – Wir sind die Kreativen, die, die oft die Welt anders sehen können. Wie können wir also dennoch so sehr inside-the-box denken?
Let’s talk about us baby
Der Gedanke ist also, für unsere Branche mehr Perspektiven zu schaffen. So viele Menschen kämpfen sich hoch (oder auch nicht), um eine Entwicklung zu spüren, nur um irgendwann festzustellen, dass ein Titel nicht automatisch Glück oder Erfüllung bringt, sehr wahrscheinlich nicht mal das aussagt, was sie gerne machen. Vielleicht ist es Zeit, dass wir uns gemeinsam fragen, ob unser bisheriges System noch Sinn macht – oder ob wir nicht mutiger sein können, Hierarchien, Bezeichnungen, Aufgaben neu zu denken. Tailored made frische Bezeichnungen, die Anerkennung & neue Chancen mit sich bringen. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, ich weiß aber, dass es anders sein kann. Wir überraschen oft mit Neuem in unserer Branche, mit Ideen die vorher nicht da waren, mit unkonventionellen Wegen, warum also auch nicht bei dem Punkt so sein?
Kein Ende, sondern der Anfang.
Diese Gedanken sind keine Lösung, dieser Artikel ist absolut keine Offenbarung, sondern eher eine herzliche Einladung für eine Unterhaltung und für mehr Fragen zu sammeln: Was sollten wir tun? Wo genau müssen wir umdenken? Glauben wir immer noch, dass nur Menschen mit hohen Titeln etwas zu sagen haben? Lassen wir uns zu sehr von dem leiten, was auf einer Visitenkarte steht? Halten wir Frauen für weniger fähig als CDs – oder erkennen wir ihre Kompetenz erst, wenn sie diesen Titel tragen? Ich habe zu all den Fragen viele Antworten und viele Anregungen, aber keine Lösungen parat, denn ich glaube, Lösungen entstehen im Diskurs mit anderen. Es ist ein Gespräch, das wir führen müssen. Am Ende geht es nicht darum, welchen Titel wir tragen – sondern darum, was wir gemeinsam bewegen wollen. Ich freue mich, wenn wir das gemeinsam angehen würden, dann sind die Gedanken in meinem Kopf bestimmt nicht weniger, aber dafür nicht einsam.
*****Lil Disclaimer:
Bitte verzeiht mir den einen oder anderen Fehler, meine Muttersprache ist weit von Deutsch bzw. Wienerisch entfernt und auch wenn ich mich bemĂĽhe, rutschen trotzdem noch ein paar Fehler und komplizierte Syntax-Strukturen, die etwas komisch rĂĽberkommen durch.