„Wer wirklich verändern will, sollte wissen warum. Und wer das noch nicht weiß, sollte vielleicht zuerst den Kern in Ordnung bringen.“
Jeder und alles transformiert sich. Echt jetzt?
Manchmal habe ich das Gefühl, man muss sich ständig neu erfinden. Permanent wird vermittelt, dass man an sich arbeiten, sich von Grund auf verändern und dabei natürlich die immer bessere, optimierte Version von sich selbst werden muss.
Das Wort dafür kennen wir alle, es ist ja auch kaum zu überhören: Transformation.
Es klingt nach Aufbruch, nach Entschlossenheit, nach jemandem, die:der wirklich verstanden hat, dass die Welt sich verändert – und eben nicht einfach zuschaut.
‘Transformare’ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht „umformen“: einen Zustand wirklich verlassen, einen neuen annehmen, nachhaltig und nicht mehr rückgängig zu machen. Auf Unternehmen übertragen hieße das, bestehende Prozesse, Führungsverhalten und Glaubenssätze tatsächlich zu hinterfragen, zu zerlegen und neu zu bauen. Und natürlich gibt es Situationen, in denen echte, tiefgreifende Veränderung notwendig ist. Wenn Märkte wegbrechen, Geschäftsmodelle nicht mehr tragen oder wenn ein Unternehmen so festgefahren ist, dass ehrliches Hinsehen weh tut. Aber genau deshalb sollte man das Wort nicht so leichtfertig in die Welt werfen. Nicht jede neue Software ist eine Transformation und auch nicht jeder Strategieworkshop zum “next Big Thing” leitet eine neue Ära ein. Oft wird der aktuelle Status Quo einfach ein bisschen aufgehübscht, ein neues Tool draufgeworfen und – weil es gerade schick ist – noch schnell mit irgendeinem KI-Label garniert. Dabei bringt es dir herzlich wenig, irgendeine KI zu befragen, wenn du dir vorher nicht die ehrliche, unbarmherzige Gedankenarbeit gemacht hast, nämlich herauszufinden, was läuft wirklich schief und warum? Das nimmt dir keine KI ab. Die kann dir nur helfen, wenn du weißt, WAS GENAU eigentlich zu lösen ist.
Ich sage das übrigens nicht als jemand, der gemütlich von außen zuschaut. Ich war dabei, ich habe mitgenickt, und ich komme selbst regelmäßig in Unternehmen, um Veränderung mitzugestalten. Da ist alles dabei von Restrukturierungen, HR-Strukturen die nicht mehr tragen, Prozesse die sich über Jahre so verknotet haben, dass niemand mehr so genau weiß wie das eigentlich passiert ist. Man könnte also zu Recht fragen, was mich von genau dem unterscheidet, worüber ich mich hier beklage. Der Unterschied und das, was mich, wie ich lernen durfte, von vielen anderen Berater:innen unterscheidet, ist, dass ich nicht mit einer vorgefertigten Antwort reinkomme, sondern ich komme mit Fragen. Jede Menge Fragen! Was funktioniert hier eigentlich, und warum? Was ist das echte Problem, nicht das auf den Folien, sondern das, über das niemand laut redet? Und braucht es dafür eine große Transformation, oder wäre ein ehrlicher, geduldiger Blick auf das Bestehende vielleicht hilfreicher?
Meistens ist es das Zweite. Denn was ich in der Praxis immer wieder sehe, sind Unternehmen, die nach der nächsten großen Veränderung greifen, bevor sie überhaupt verstanden haben, was sie gut können, für wen, und warum das bisher funktioniert hat oder eben nicht (mehr). Die CEO, die im Townhall Meeting verkündet, dass ab sofort KI-Nutzung in die jährliche Leistungsbeurteilung einfließen soll… nur ohne genau zu sagen mit welchen Maßstäben, warum und – irgendwie am wichtigsten – was damit erreicht werden soll.
Der Geschäftsführer, der das bisherige ERP-System ersetzen möchte und die Kosten für das neue System sogar schon vom Board freigegeben bekommen hat… ohne überhaupt genau analysiert zu haben, ob das bisherige System wirklich nicht funktioniert oder vielleicht Abläufe nicht klar, User:innen nicht ausreichend geschult oder Prozesse überholt sind. Und überhaupt starten die meisten scheiternden Tranformations-Fans die Veränderungsarbeit, bevor sie die Menschen wirklich mitgenommen haben. Dabei habe ich noch keinen Prozess gesehen, der funktioniert, wenn die Menschen darin längst ausgestiegen sind. Wer auf jeden Hype-Train aufspringt, bevor der eigene Laden wirklich steht (und bevor die eigenen Leute wissen wohin die Reise geht), verschiebt das eigentliche Problem nur nach hinten, meistens mit mehr Aufwand und weniger Ergebnis als vorher. In allen Fällen dieser “sogenannten Transformationen”, die ich selbst miterlebt habe, blieb der große, versprochene Erfolg jedenfalls aus. Was ich in diesem ganzen Transformations-Trubel vermisse: dass es so viel wert ist, wenn man weiß was man kann; und das dann konsequent verbessert und damit nach draußen geht. Nicht jedes Unternehmen muss sich neu erfinden. Manche müssen einfach besser werden in dem, was sie bereits sind oder tun. Das ist keine Schwäche. Das ist Klarheit.
Kleine, ehrliche Schritte – das ist das, was ich in meiner Arbeit tatsächlich viel interessanter finde als jede große Ankündigung. Kontinuierliche Verbesserungen an echten Problemen, mit echten Menschen, ohne das große Versprechen, das dann in der Umsetzung stirbt. Das lässt sich schlechter auf einer Keynote verkaufen, das stimmt. Aber es ist echt.
Und vielleicht wäre das ein guter Anfang: dass „Transformation“ aufhört, ein Wort zu sein das man einfach so in die Welt wirft – als Signal nach außen, als Beruhigung nach innen, als Beweis dafür dass man nicht stehengeblieben ist. Wer wirklich verändern will, sollte wissen warum. Und wer das noch nicht weiß, sollte vielleicht zuerst den Kern in Ordnung bringen. Das ist die unbemerkte, “less fancy” Arbeit, ja, aber sie ist es, die hält.