Ich lebe fuÌr euren Applaus.
Die besten Strateg:innen stehen nicht im Rampenlicht. Da wollen sie gar nicht hin. Ihre Arbeit findet backstage statt: Bei den Fragen, die man sich lieber sparen wuÌrde, auf die man aber eine Antwort braucht, bevor der Vorhang aufgeht. Der Applaus gehört euch. Wir sorgen schon wĂ€hrend der Proben dafuÌr, dass er möglichst lange anhĂ€lt.
Es gibt TĂ€tigkeiten, die sofort sichtbar sind. Und es gibt solche, die alles vorbereiten, was spĂ€ter wirksam wird. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich mich fuÌr letztere entschieden. Ich liebe meinen Beruf, doch seit zwei Jahren frustriert er mich immer wieder maĂlos. Seit meinem Umzug nach Ăsterreich erlebe ich hĂ€ufiger, dass Strategiearbeit wie selbstverstĂ€ndlich uÌbersprungen wird.
Ich liebe es zu planen, zu strukturieren und zu sortieren. Das kann ich gut. [Falls meine Mutter mitliest und bei diesen Zeilen laut lacht: JA, WIRKLCH. Ich habe kein Problem damit, Ordnung zu schaVen, sondern Ordnung beizubehalten â und letzteres gehört eben nicht zu meiner Stellenbeschreibung.] Umsetzen darf gerne jemand anders. Deshalb bin ich Strategin geworden.
Meine Arbeit besteht hauptsĂ€chlich aus Denken und hört dort auf, wo zum Beispiel Design, Text oder Produktion â Umsetzung eben â beginnt. Jetzt ist das mit dem Denken aber so eine Sache, von der jede:r denkt, er:sie beherrsche sie. Und das möchte ich niemandem absprechen. Zu strategischem Denken gehört allerdings ein QuĂ€ntchen mehr. AuĂerdem ist Denken eine Arbeit, die sich schwer messen lĂ€sst und daher oft uÌbersehen wird.
Heute Strategin zu sein, fuÌhlt sich manchmal an wie damals, als Freelance- Grafikdesigner:innen Anfang der 2000er sich stĂ€ndig anhören mussten âIch brauche kein Design, mein Onkel hat auch Photoshop.â Heute ist es mehr: âIch brauche keine Strategie, ich weiĂ ja, was ich tu.â Oder auch: âIch habe ChatGPT gefragtâŠâ (aber das ist ein Thema fuÌr einen anderen Tag).
Und ich glaube dieser Aussage. NatuÌrlich wissen Unternehmer:innen, was sie tun. Sie haben ihr GeschĂ€ft aufgebaut, sie tragen Verantwortung, sie treVen tĂ€glich Entscheidungen. Berater:innen haben die FĂ€higkeit zu Denken nicht fuÌr sich allein gepachtet. Der Unterschied liegt im System dahinter â oder wie wir im Fachjargon gerne sagen: in den âFrameworksâ. Strategisches Denken ist ein strukturierter Prozess mit klaren Kriterien, mit (Mut zu) PrioritĂ€ten und mit der Bereitschaft, WiderspruÌche auszuhalten. Es zwingt dazu, Annahmen oVenzulegen und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Das benötigt manchmal einen Blick von auĂen.
Wenn man mir sagt, man brauche nur den Umsetzungs-Part, sehe ich an dieser Stelle oft eine gefuÌhlte Notwendigkeit zur Bewegung. âWir muÌssen jetzt was machen, damit wir wahrgenommen werden!â Klar, Umsetzung erzeugt erstmal Sichtbarkeit. Sie produziert etwas mehr oder weniger Greifbares. Eine Kampagne, eine Website, ein neues Design. Es entsteht der Eindruck von Fortschritt und davon, etwas zu schaVen. Strategie wirkt im Vergleich dazu unspektakulĂ€r. Ein strategisches Fundament lĂ€sst sich schwerer vorzeigen. Sein Wert zeigt sich in der Konsequenz von Entscheidungen und in der KontinuitĂ€t uÌber Jahre hinweg.
Strategie wird hĂ€ufig als austauschbare Vorstufe zur âeigentlichenâ Arbeit betrachtet. Wenn sie gut gemacht ist, leistet sie aber das genaue Gegenteil: sie macht jede Marke weniger austauschbar, weil sie sicherstellt, dass Kern, Haltung und BestĂ€ndigkeit sowohl in der Kommunikation als auch der Unternehmenskultur selbst, eingehalten werden und relevant bleiben. Somit prĂ€gt die Strategie die âeigentlicheâ Arbeit bis ins kleinste Detail.
Einer meiner LieblingsausspruÌche zu diesem Thema stammt von meiner Kollegin Silvia Lacher aus einem ihrer Workshops: Strategie ist an manchen Stellen wie âTherapie fuÌr eine Markeâ. Therapie zwingt einen dorthin zu sehen, wo es weh tut. Das ist im ersten Moment unbequem, aber auf lange Sicht wichtig, um nachhaltig zu wachsen.
Strateg:in wird man nicht fuÌr den Applaus. Wir stehen immer unscheinbar in der zweiten Reihe (das ist uÌbrigens noch etwas, das ich an diesem Beruf so liebe). Wir wollen, dass unsere Kund:innen Applaus ernten. Und das nicht nur einmal, weil ein Tiktok zufĂ€llig viral ging, sondern stetig. FuÌr jedes Produkt, jeden Launch, jeden öVentlichen Auftritt ihrer Marke.
Strategie lebt selten fuÌr einen lauten Moment. Sie schwingt leise im Hintergrund mit. Wer sie weglĂ€sst, kommt schneller ins Tun. Wer sie ernst nimmt, kommt weiter.