Liebe Alina, freut mich dass wir sprechen! Steigen wir direkt ein: Du bist seit 2006 in der Kreativbranche, was hat dich damals dazu gebracht, dich auf Farbe und Design zu spezialisieren, und was fasziniert dich heute noch daran?
Ich habe mich schon als Kind für Farben und Design interessiert. Damals hatte ich kaum Worte dafür, aber ich habe gespürt, wie stark Gestaltung auf Menschen wirkt. Farbe ist das Erste, das wir sehen – noch vor Form, Materialität, Textur oder Typografie – und prägt unsere Wahrnehmung maßgeblich.
Vereinfacht gesagt: Farbe ist eine universelle Sprache mit regionalen und (sub)kulturellen Nuancen. Sie wird von den meisten intuitiv verstanden, aber nicht von allen gleich. Als Jugendliche habe ich gemerkt, dass ich gut darin bin, zu übersetzen und komplexe Dinge zugänglich zu machen – und dass ich noch viel mehr über Design und Farbe lernen will, um bessere Lebensräume für möglichst viele Menschen zu ermöglichen.
Heute habe ich zwei Passionen: die richtigen Konzepte für diverse Zielgruppen zur richtigen Zeit zu entwickeln und accessible colour & design education for all.
„Auch gegen Trends zu sein ist ein Trend.“
Kleiner biographischer Abstecher: du bist am Land in Salzburg aufgewachsen, warst in Wien, verschiedenen Städten in Deutschland und England – und bist zurückgekehrt. Was hat Wien, das andere Städte nicht haben – und was fehlt noch?
Wien ist die fünftgrößte Stadt der EU und bietet eine extrem hohe Lebensqualität, nicht nur für wenige Top-Verdienende. Ich bin beruflich viel unterwegs, daher ist Wien für mich die perfekte Homebase als Knotenpunkt zwischen Ost und West, Nord und Süd (Europa). Wien ist international, aber entspannter als andere Metropolen.
Was mir fehlt: mehr Mut und Individualität auf der Straße und in der Designszene. Zu oft: fifty shades of same. Es gibt Ausnahmen, und es verändert sich langsam, aber wir hinken Ländern mit stärkerem Designbewusstsein weit hinterher. Inspiration finde ich daher tendenziell auf Reisen, aber ich liebe Wien trotzdem sehr.
2019/20 hast du alles stehen und liegen lassen, 11 Länder bereist und dich danach selbstständig gemacht. Was brauchte es, um diesen Schritt wirklich zu wagen?
Den Brexit – und bisher nicht genug Glück in der Liebe. Ich war bei Trend Bible (einer Trend Forecasting Agency in Großbritannien) verantwortlich für die Home & Interiors Trendbücher und habe die Arbeit geliebt. Aber ich wusste, ich will nicht nur wegen eines Jobs an einem Ort bleiben.
Ich wollte schon lange länger in Asien reisen, am liebsten mit einem Partner, den ich nicht hatte. Also habe ich entschieden, nicht weiter zu warten und alleine aufzubrechen.
Klar war: Danach mache ich mich selbstständig als Design Consultant & Trend Forecasterin. Die Frage war nur: wo? London, Paris, Mailand, oder Wien. Auf der Reise wurde mir klar, dass Wien
die beste Basis für mich ist.
Wie nimmst du die österreichische Design- und Kreativszene im internationalen Vergleich wahr?
Großteils fucking boring und nicht up to date. Oft zu arrogant, um das überhaupt zu erkennen.
Viele Talente gehen deshalb ins Ausland. Und nein, es liegt nicht immer am Budget (auch wenn darüber gern gesudert wird).
Aktuelles Beispiel: Design Palazzo Austria bei der Milan Design Week. Unsummen werden ausgegeben, das Ergebnis bleibt weit hinter den Möglichkeiten zurück. Der Palazzo wird mit Stoffen verhängt, die Interieur und Atmosphäre zerstören, statt sie gekonnt zu brechen oder in einen visuellen Dialog zu bringen. Die Präsentationstische erinnern an das Draping eines Frühstücksbuffets in einem Autobahnhotel. Und die Farbwahl des Set-Designs ist veraltet. Selbst Länder wie Usbekistan oder kleine Designstudios aus Mexiko haben bei der MDW deutlich bessere Ausstellungen realisiert. Das zeigt, Potenzial ist überall da.
Österreich lebt zu sehr von seiner Vergangenheit. Es ist Zeit aufzuwachen.
Gehen wir mal ein bisschen in dein Thema. CMF, Trend Forecasting, Design Consulting, – viele dieser Begriffe klingen für Außenstehende abstrakt. Wie erklärst du jemandem außerhalb der Branche, was du eigentlich tust?
Ich bin Designberaterin und Zukunftsforscherin mit Fokus auf Colour, Material, Finish, Interior und Produktdesign. Ich entwickle Konzepte, Kollektionen und Weiterbildungen für internationale Marken und Organisationen. Dabei geht es weit über Ästhetik hinaus. Farbe ist kein Nischenthema: 62-89% aller Kaufentscheidungen hängen direkt damit zusammen.
Farbe ist immer auch Emotion und Kultur. Wie viel Psychologie steckt in deiner Arbeit – und wie navigierst du kulturelle Unterschiede, wenn du für internationale Märkte entwickelst?
Fundierte Farbpsychologie ist essenziell. „Gelb = Sonne = Optimismus“ ist viel zu simpel. Welches Gelb? In welchem Kontext? In welchem Land? In Regionen mit wenig Regen hat Sonne oft weniger positive Konnotationen.
Auch bei globalen Trends gibt es immer regionale und kulturelle Unterschiede. Ich gehe anders vor, je nachdem, ob ich für den DACH-Raum, Europa generell, China oder die USA berate, gestalte und kuratiere. Dafür arbeite ich regelmäßig mit lokalen Expert:innen zusammen.
Wie weit im Voraus arbeitest du als Trend Forecasterin und wie gehst du mit dem Paradox um, dass Trends sich durch ihre Verbreitung selbst überholen?
Üblicherweise 6-24 Monate im Voraus. Die meisten Menschen verwenden den Begriff Trends zu allgemein. Trends sind Tendenzen.
Megatrends: Langfristige, globale Entwicklungen, ca. 10-30+ Jahre, z.B. Klimawandel
Makrotrends: Konkretisierungen von Megatrends in bestimmten Bereichen, ca. 5-10 Jahre, z.B. Kreislaufwirtschaft
Mikrotrends: Schnell entstehende, konsumnahe Innovationen, ca. 1-5 Jahre, z.B. Plant-based Milk (Hafermilch-Boom)
Fads: Sehr kurzlebig, Wochen bis max. 1 Jahr, z.B. TikTok-Hypes
Übergänge sind fließend. Viele Trends wachsen. Ist KI noch ein Makrotrend innerhalb des Megatrends Technologische Transformation oder schon ein(Teil-)Megatrend?
Und: Jeder Trend hat (mehrere) Gegentrends. Auch gegen Trends zu sein ist ein Trend.
„Farbe ist das Erste, das wir sehen – noch vor Form, Materialität, Textur oder Typografie.“
Du arbeitest sowohl für globale Brands als auch für regionale Kunden. Wo liegen da die größten Unterschiede in der Zusammenarbeit, und wo ist die Arbeit überraschend ähnlich?
Vor allem das Mindset. Der DACH-Raum ist tendenziell besonsers innovationscheu.
Überraschend ähnlich: Viele tun sich schwer, Trends objektiv zu bewerten und sich vom eigenen Geschmack zu lösen, auch Design Leads globaler Player. Dafür gibt es externe Leute wie mich.
Du hast dir ein Portfolio aufgebaut, das von Keynotes über Beratung bis zu Brand Ambassadorship reicht. War das ein bewusster Plan oder hat sich das organisch entwickelt?
Organisch. RAL Farben haben mich z. B. für ein Projekt geheadhunted und daraus ist eine langjährige Zusammenarbeit entstanden. Neben gemeinsamen Projekten und Consultancy bin ich seit 2021 globale Markenbotschafterin, entwickle Keynotes, Workshops, Edutainment-Content und Webinare.
Viele fragen mich nach Shortcuts, die es nicht gibt. Es braucht Dedication, Erfahrung und die Fähigkeit, Dinge verständlich zu vermitteln. Ich arbeite seit zwanzig Jahren in der Kreativbranche und bemühe mich darum konstant zu lernen.
Der Schlüssel für mich: Ich mache, was ich wirklich gerne tue und gut kann – und sage Nein zu Projekten, die nicht (mehr) passen.
„Österreich lebt zu sehr von seiner Vergangenheit. Es ist Zeit aufzuwachen.“
Was ist das Schwierigste an der Selbstständigkeit, über das kaum jemand spricht?
Manchmal Einsamkeit und NDAs (Non-Disclosure Agreements). Ich darf oft nicht einmal sagen, für wen ich arbeite. Der Start war tough: Ich habe während Corona gegründet. Trotzdem bin ich seit sechs Jahren selbstständig und konnte immer eigenständig davon leben. Darauf bin ich stolz. Was viele nicht sehen ist wie viel Arbeit und Durchhaltevermögen es gebraucht hat, um dorthin zu kommen.
Du arbeitest sehr viel remote und international. Glaubst du, dass Kreativarbeit grundsätzlich ortsunabhängig funktioniert, oder gibt es etwas, das Präsenz nicht ersetzen kann?
Ja, Kreativarbeit und Geschäftsbeziehungen funktionieren auch digital. Viele meiner Kunden treffe ich selten oder nie. Persönliche Treffen sind schön, aber über die Jahre habe ich gelernt, auch digital voll präsent zu sein, echte Verbindungen aufzubauen und sie zu pflegen.
Auch die meisten meiner engen kollegialen Kontakte leben im Ausland. In Österreich habe ich meinen Tribe nur bedingt gefunden, also habe ich ihn mir international aufgebaut. Ich bin co-founding Member im The Forecast Club, und aktiv in Netzwerken wie dem Institute International Trendscouting an der HAWK, Futures Friends und Culture Connectors.
Aber: Ohne originale Farb- und Materialmuster geht es in meinem Job nicht. Die lassen sich aber gut verschicken.
„Form follows function‘ wurde selten so missverstanden wie im DACH-Raum. Es ist Zeit für form follows feeling strategisch fundiert.“
Was beschäftigt dich gerade am meisten, beruflich oder in Bezug auf die Richtung, in die sich Design und Farbe entwickeln?
Inclusive & universal design. Gute Gestaltung und nachhaltige Produkte müssen für alle zugänglich sein – nicht nur für wenige.
Parallel sehen wir einen Wandel weg von den Extremen Minimalismus vs. Maximalismus, hin zu mehr Farbe – nuancierter, differenzierter, Richtung Midimalismus. Das ist oft spannender und passender.
Und ja, Farbe und Schönheit sind funktional. Sie beeinflussen unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Trotzdem halten viele Designer in Österreich noch an der Idee fest, dass Ornamente ein Verbrechen seien und es nur Materialfarbigkeit braucht. Dabei sind mehr Farbe und mehr Ornamentales international längst wieder wichtiger.
„Form follows function“ wurde selten so missverstanden wie im DACH-Raum. Es ist Zeit für form follows feeling – strategisch fundiert.
Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, dass das auch hier verstanden wird.
Danke für das tolle Gespräch, Alina!
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