Das dicke Fell. Eine ArbeitslebenlĂĽge.
„Du brauchst dickes Fell“, ein Ratschlag, eine Floskel, die, Hand aufs Herz, bestimmt jeder von uns bereits auf dem Silbertablett zwischen allerlei Kritik und Emotionskrümeln kredenzt bekommen hat. Alissia Passia wagt sich in ein inneres Drama um diese haarige Angelegenheit.
Es sprießt, hier und da Lücken, gepflegt, dennoch nicht glänzend, dicht an dicht reiht sich Haar an Haar. Fell, das wünscht man sich, wird einem geraten, von Berufswegen, wenn auch privat als abstoßend empfunden, besonders dick, furchtbar undurchlässig, stickig, man überhitzt leicht. Die Haut darunter: schuppig, wund gekratzt, dünn wie Pergamentpapier, hier ruht das wahre Ich, die vergessene Seele, die Eigenarten und Eigenheiten, die uns doch zu dem machen, das einst als Einzigartig gepriesen wurde, Individuenleben. Dickes Fell, hier und da krabbelt und kraucht es darauf und oft auch darin, das assoziiert nicht so viel an sich heranzulassen, Kritik leichter hinzunehmen, alles nicht so persönlich, es ging nicht gegen dich, nicht gegen uns, gegen niemanden im Grunde, dennoch ist die Idee und damit auch du, irgendwie, schlecht, obwohl es nur die Idee ist. Und schon tangieren Worte meist Fremder, Arbeitsalltagsmenschen, nicht einfach nur, sie tanzen Tango, eng umschlungen, mit unserem Fell und bahnen sich den Weg vor zur nackten Haut, obwohl sie doch im Guten kommen, nah, zu nah und doch immer näher. Schwindelig kann da einem schon werden, gar gruselig der Gedanke daran, dass sich der Arbeitsmensch quasi entkörperlicht durch den Beruf bewegt, mit einer Gelassenheit eines französischen Clochards, der in den Tag hinein und wieder hinaus lebt, bis mittags schlafen, abends erst aufwachsen, ganz egal, wie es ihm gefällt und dabei lockerflockig eine Ungefilterte nach der anderen raucht, gepaart mit der Souveränität eines Top-Entscheiders, einer breitschultrigen Galionsfigur, einem „Ich habe Nerven aus Stahl“-Menschen. Jemandem, der „Ist mir egal“, nicht nur als Lebensweisheit mit sich trägt, sondern als Lebenscredo verinnerlicht hat, es verkörpert, den alles kalt lässt, und dabei Wärme versprüht, er brennt für die Meinung anderer, der er gleichzeitig gehorsam folgt und bestmöglich umsetzt.
Das dicke Fell, eine Floskel, eine Nichtaussage, das Bild eines gehorsamen Mitarbeiters
Ist das dicke Fell ein gewaltiger Trugschluss und doch nur eine erfundene Begrifflichkeit derer, die sich nicht mit Gegenwind, Andersdenkern und ach so hitzigen Verteidigern ihrer Gedankenwerke auseinandersetzen mögen? Ein kreativer Mensch ist schon von Leidenschaftswegen oft nicht Herr seiner Emotionen und das ist auch gut so, schließlich entstehen genau aus diesen Impulsen und ebenso impulsiven Entscheidungen mal mehr mal weniger brillante Ideen, während Verkopftmenschen noch eine Extrarunde um den Block statt der hochgelobten Extrameile auf dem Papier drehen müssen, bis sie etwas auf selbiges gebracht haben. Das dicke Fell, es ziept, es schuppt und irgendwann im Alltag angekommen, ist das Fell zum Pelz gewachsen, das sich nicht mehr so leicht abstreifen lässt, wie ein paar Haare, die wie ein Fähnchen im Wind je nach Stimmungslage sich aufrichten oder doch unter den Druck anderer ineinander fallen. Das dicke Fell, eine Floskel, eine Nichtaussage, das Bild eines gehorsamen Mitarbeiters, der sich zügelt, besonders die Zunge, im Rahmen bleibt, eben diesen, den das Unternehmen festgelegt hat, in dem es sich „korrekt“ zu verhalten gilt. Das dicke Fell, ein Trikot, ein Einheitsdress, ein Symbolbild für Ja-Sager und allen, denen es nur darum geht, am Ende des Monats ihr Gehalt auf dem Konto zu sehen, Passion ade. Was macht sie mit uns, diese unsichtbare Körperbehaarung, die uns als ein Schutzschild gepredigt wurde, immer und immer wieder? Gibt es eine gesunde Mitte und wenn ja, was ist der Mittelweg, Haare, die sich korrekt scheiteln lassen oder ist es der dicke Zopf, mit dem es sich selbst bei zu viel Empfindlichkeit peitschen lässt?
Das dicke Fell, sein Endgegner, die zu scharfe Zunge
Wer definiert überhaupt, wann es zu viele Emotionen sind und was ist überhaupt zu viel von was oder richtet es sich nur danach, von wem Tränen, Verzweiflung und Wut kommen? Wer entscheidet darüber, wie viel Kritik wir einstecken müssen, um im Miteinander, Alltag, bestehen zu können, ohne dabei von zu viel von was auch immer tangiert zu sein? Das dicke Fell, sein Endgegner, die zu scharfe Zunge, die doch gern, ab und zu, seine Weichheit neu entdecken und Feedback auf eine Art, in der wir Menschen uns einst begegneten, gern wieder sollten, vermittelt, das sachlich und professionell formuliert ist. Die nicht persönlich ist, und danach vorgibt, niemals persönlich gewesen zu sein, es betrifft doch nicht uns, nein, weiß Gott nicht, und genau deshalb hat der Kritiker alle Freiheiten in seiner ungestümen Art. Eine Welt, in der wir sanfter zueinander wären, wäre eine, in der das dicke Fell womöglich gar nicht existiert oder als leichter Flaum unsere Haut und Seele liebkost.
Und bis dahin muss die kalte Schulter reichen, unbedeckt von Fell und doch voller Gleichgültigkeit, ein Stück Haut und nicht wir mit Haut und Haar verfremdet, vollends verstellt, es wäre ein Weg, zumindest ein Versuch.