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What's Next Bagagfilms?

Matthias Bayr kennt die Kreativbranche aus unterschiedlichen Perspektiven: als Mitgründer einer Kreativagentur, als Leiter von Filmproduktionen und durch seine langjährige Arbeit hinter der Kamera. Mit Bagagefilms setzt er heute bewusst auf eine überschaubare Struktur, klare Verantwortung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Mit RED SET hat er außerdem einen Raum geschaffen, in dem Musik, Film und Menschen zusammenkommen und neue kreative Formate entstehen.

Matthias Bayr

Du hast vorher eine Kreativagentur geleitet und warst Managing Director einer Werbefilmproduktion. Was hat dich dazu gebracht, mit Bagagefilms noch einmal neu anzufangen – und mit einer so klaren Positionierung?

Ich habe in den vergangenen Jahren sehr unterschiedliche Seiten der Branche kennengelernt. Ich war auf Agenturseite tätig, habe eine Filmproduktion geführt und selbst viele Jahre hinter der Kamera gearbeitet. Das hilft mir heute natürlich, weil ich die unterschiedlichen Interessen und Anforderungen ganz gut einschätzen kann.
Irgendwann war für mich klar, dass ich wieder stärker selbst gestalten möchte. Nicht nur die Filme, sondern vor allem auch die Art, wie wir arbeiten.
Dabei geht es mir gar nicht darum, möglichst groß zu werden. Ich möchte lieber eine überschaubare Struktur haben und mit Menschen arbeiten, auf die ich mich verlassen kann und die sich umgekehrt auch auf mich verlassen können.

Foto © Christoph Liebentritt

Bagagefilms spricht bewusst das mittlere Budgetsegment an. Was steckt hinter dieser Entscheidung – und welche Überzeugung über Produktion generell?

Ich kenne größere Produktionsstrukturen und natürlich haben sie bei bestimmten Projekten absolut ihre Berechtigung. Aber ich glaube nicht, dass man für jeden guten Film einen großen Apparat braucht.

Wir haben ein kleines Kernteam und arbeiten mit einem Netzwerk an Filmschaffenden, die wir je nach Projekt dazuholen. So können wir ziemlich genau das Team zusammenstellen, das wir tatsächlich brauchen.

Das mittlere Budgetsegment passt gut zu dieser Arbeitsweise. Man muss genau überlegen, wo man Geld investiert und wo vielleicht auch einfach eine gute Idee oder eine pragmatische Lösung gefragt ist. Was ich allerdings nicht möchte, ist, dass ein knappes Budget auf Kosten der Crew geht. Wenn etwas nicht vernünftig kalkulierbar ist, muss man darüber reden. Und manchmal muss man eben auch sagen, dass es so nicht geht.

„Ich finde, wir reden mittlerweile wahnsinnig viel über Content und relativ wenig darüber, was wir eigentlich damit auslösen wollen.“

Bei euch spricht man direkt mit der Produktionsleitung, Entscheidungen fallen schnell. Wie verändert das konkret die Zusammenarbeit mit Agenturen und Kund:innen?

Ich glaube, es macht einen großen Unterschied, wenn die Person, mit der man ein Projekt bespricht, später auch dafür verantwortlich ist, dass es funktioniert.
Bei uns gibt es keine langen Abstimmungswege. Ich bin von der Anfrage über die Kalkulation bis zur Umsetzung involviert und kenne dadurch auch die Hintergründe vieler Entscheidungen.

Was unterscheidet eine gute Produktionskultur von einer bloß effizienten?

Ein Film kann großartig geworden sein, das Budget kann eingehalten worden sein und trotzdem kann die Produktion für alle Beteiligten eine ziemliche Katastrophe gewesen sein.
Ich finde, man muss sich auch anschauen, wie man zu diesem Ergebnis gekommen ist. Wie wurde miteinander gesprochen? Waren die Zeitpläne realistisch? Wurden die Leute ordentlich bezahlt? Hatte jeder die Möglichkeit, seine Arbeit gut zu machen?
Natürlich gibt es bei Filmproduktionen Stress. Manchmal funktioniert etwas nicht wie geplant, manchmal wird es spät. Das lässt sich nicht immer vermeiden. Aber es sollte nicht von Anfang an einkalkuliert sein, dass die Crew das irgendwie auffangen muss.
Und am Ende sollte man auch nach einer anstrengenden Produktion sagen können: Mit denen würde ich gerne wieder arbeiten.

Foto © Christoph Liebentritt

Du bist auch DoP. Wie beeinflusst dieser Blick durch die Kamera die Art, wie du Projekte führst?
 

Das hilft mir vor allem dabei, den tatsächlichen Aufwand einer Idee einzuschätzen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was am Set funktioniert, wie viel Zeit bestimmte Einstellungen brauchen und wo man vielleicht auch mit weniger Aufwand ein gutes Ergebnis erzielen kann.
Ich kann mich dadurch mit Regie, Kamera und Licht auf einer anderen Ebene austauschen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich nicht alles selbst machen muss oder sollte.
Gerade als Produzent ist es wichtig, den Leuten, die man für ein Projekt engagiert, auch den nötigen Freiraum zu geben und sich nicht überall einzumischen. Sonst brauche ich sie ja nicht zu holen.

„Nur weil man etwas mit KI machen kann, heißt das nicht, dass man es auch sollte.“

Im 2. Bezirk betreibst du Red Set – einen Raum für Live-Sessions. Was kann eine Live-Session jenseits von Content erzeugen?

Ich finde, wir reden mittlerweile wahnsinnig viel über Content und relativ wenig darüber, was wir eigentlich damit auslösen wollen.
Bei RED SET interessiert mich vor allem der Moment, in dem etwas passiert. Wenn Musiker:innen in einem kleinen Raum spielen, ohne große Bühne und ohne viel Inszenierung. Da entsteht manchmal eine sehr intime Atmosphäre, die man so nicht planen kann.
Für Künstler:innen sind solche Live-Sessions auch eine gute Möglichkeit, eine andere Seite von sich zu zeigen. Songs können hier anders interpretiert werden als bei einem Konzert, manchmal auch in einer ganz anderen Besetzung. Gleichzeitig können solche Aufnahmen helfen, neue Auftrittsmöglichkeiten zu bekommen. Gerade weil Live-Auftritte für viele Musiker:innen eine der wichtigsten Einnahmequellen sind, ist das nicht unwesentlich.

Wie verhält sich Red Set zu Bagagefilms – ist das dasselbe Denken in einem anderen Kontext, oder etwas grundlegend anderes?

Es gibt schon einige Parallelen. Bei beiden geht es darum, mit guten Leuten zusammenzuarbeiten und aus den vorhandenen Möglichkeiten möglichst viel herauszuholen.
Der große Unterschied ist, dass RED SET nicht aus einem Kundenauftrag heraus entstanden ist. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem wir Dinge ausprobieren können, auf die wir einfach Lust haben.
Musik war für mich immer ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Wir haben mit den Buttersessions über 30 Sessions produziert, und dabei habe ich gemerkt, wie viel entstehen kann, wenn man Musiker:innen und Filmschaffende zusammenbringt.
Musik und Kultur haben ja auch die Werbung immer beeinflusst. Viele Ideen, Bildsprachen und Trends kommen ursprünglich aus diesen Bereichen. Ich finde es spannend, diese Welten nicht voneinander zu trennen.
RED SET ist aber kein Showroom für Bagagefilms. Es soll etwas Eigenständiges werden. Wohin sich das genau entwickelt, möchte ich auch gar nicht zu früh festlegen.

 

Was beobachtest du gerade in der Produktionsbranche – was verändert sich, was bleibt gleich, was macht dir Sorgen?

Ich finde es grundsätzlich gut, dass heute schon früh darüber nachgedacht wird, welche Formate, Cutdowns und Adaptionen gebraucht werden. Das macht die Planung einfacher und ist aus Produktionssicht absolut sinnvoll.

Was ich allerdings in letzter Zeit immer häufiger erlebe, ist, dass vor allem Content und Social-First-Produktionen gefragt sind, gleichzeitig aber die Ansprüche an Umfang und Qualität einer klassischen TV-Kampagne bestehen bleiben. Nur die Budgets orientieren sich dann an deutlich kleineren Social-Produktionen. Und das geht sich oft einfach nicht aus.

Die Gefahr ist, dass dieser Preisdruck immer größer wird und irgendwann nur noch über den Preis entschieden wird. Ich möchte aber nicht anfangen, unsere Leistungen oder die Arbeit unserer Crew unter Wert anzubieten, nur um einen Auftrag zu bekommen.

Deshalb haben wir in letzter Zeit auch den einen oder anderen Auftrag nicht bekommen. Das ist natürlich ärgerlich, aber mir ist lieber, wir sagen ehrlich, was eine Produktion kostet, als dass wir am Ende auf Kosten der Qualität oder der Menschen sparen müssen.

Foto © Christoph Liebentritt

Wie nutzt du KI in der Produktion, und wo ziehst du die Grenze?

Wir nutzen KI mittlerweile relativ viel, sowohl in der Vorbereitung als auch in der Postproduktion. Sei es bei der Bildbearbeitung, bei visuellen Effekten oder im Audiobereich. Da gibt es inzwischen wirklich gute Werkzeuge, die uns einiges ermöglichen, was früher deutlich aufwendiger gewesen wäre.

Ich glaube allerdings nicht, dass KI die Produktionen automatisch günstiger macht. Und schon gar nicht besser. Manchmal ist eine klassische Lösung am Set oder in der Postproduktion schlicht sinnvoller als der Einsatz von KI.

Ich finde, man muss sich bei jedem Projekt genau überlegen, wo KI tatsächlich Sinn macht und wo nicht. Nur weil man etwas mit KI machen kann, heißt das nicht, dass man es auch sollte.

Welche Projekte machen dir aktuell am meisten Freude – und warum?

Wir hatten vor Kurzem eine Produktion, bei der zwischen dem ersten Gespräch und dem Dreh weniger als eine Woche lag. Das ist natürlich nicht der Idealfall, aber mit der richtigen Crew, guter Zusammenarbeit und dem Einsatz aller Beteiligten kann man auch in so kurzer Zeit sehr viel auf die Beine stellen. Die Produktion hat richtig gut funktioniert, und genau solche gemeinsamen Erlebnisse machen mir besonders Spaß. Da schmeckt dann auch das Drehschlussbier gleich noch besser.

Und natürlich macht mir RED SET momentan viel Freude. Dort können wir Dinge ausprobieren, ohne dass von Anfang an ein fertiges Briefing oder eine konkrete Erwartung dahintersteht. Das ist eine andere Art von kreativer Arbeit, die ich genauso schätze.

„Ein Film kann großartig geworden sein, das Budget kann eingehalten worden sein und trotzdem kann die Produktion für alle Beteiligten eine ziemliche Katastrophe gewesen sein.“

Gibt es Prinzipien, an denen du festhältst, auch wenn sie dich Aufträge kosten?

Kommunikation auf Augenhöhe ist mir extrem wichtig. Ich erwarte nicht, dass immer alles reibungslos funktioniert oder dass auf jede Frage sofort eine Antwort kommt. Aber ich finde, man sollte offen miteinander kommunizieren und sich gegenseitig auf dem Laufenden halten.

Ich bin vor Kurzem tatsächlich aus einem Pitch ausgestiegen, weil über längere Zeit wichtige Informationen und Timings gefehlt haben und wir trotz mehrfacher Nachfrage keine Klarheit bekommen haben. Das macht es irgendwann schwierig, eine Produktion vernünftig vorzubereiten und die Qualität zu gewährleisten, die ich von uns erwarte.

Wenn ich das Gefühl habe, dass wir unter den gegebenen Umständen kein gutes Ergebnis liefern können, ziehe ich mich lieber aus einem Projekt zurück, als etwas zu versprechen, das wir am Ende nicht halten können.

Wenn du in fünf Jahren auf diese Zeit zurückblickst – was willst du dann anders oder besser gemacht haben?

Ich hoffe, dass wir mit Bagagefilms in fünf Jahren noch stärker etabliert sind und mit Agenturen und Kund:innen zusammenarbeiten, die unsere Arbeitsweise schätzen und mit denen wir langfristig gute Projekte umsetzen können.

Dabei geht es mir nicht unbedingt darum, größer zu werden. Viel wichtiger ist mir, dass wir weiterhin mit guten Leuten arbeiten und Filme produzieren, auf die wir gemeinsam stolz sein können.

Bei RED SET hoffe ich, dass sich der Raum zu einem fixen Bestandteil der Wiener Musik- und Kreativszene entwickelt hat. Ein Ort, an dem regelmäßig interessante Dinge passieren und Menschen gerne zusammenkommen.

Und ganz persönlich würde ich mir wünschen, dass ich neben der unternehmerischen Verantwortung auch weiterhin selbst kreativ arbeiten kann. Das war schließlich einer der Gründe, warum ich Bagagefilms gegründet habe.

Danke für das Gespräch, Matthias!

Mehr über Bagage Films erfährt ihr hier.

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