Du bist in Digital und Social eingestiegen, als das in den Agenturen noch als Spielerei galt. Was hat dich damals ĂĽberzeugt, dass da mehr dahintersteckt?
Ich habe mich 2009 als Kultur-Bloggerin auf Twitter angemeldet, das damals wirklich noch eine Community war. in Wien waren wir ca. 50 Leute auf Twitter und versuchten herauszufinden, wie wir dieses Social Media auch beruflich nützen können. Diese Möglichkeit einen Ort zu haben, seine Gedanken ohne Gatekeeper mit der Welt zu teilen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und vernetzen, war damals noch neu. Ich finde schön, dass sich viele Marken und Personen genau auf diese Werte des Social Media-Anfangs langsam wieder rückbesinnen.
„Was bist du gewillt, anders als deine Branche zu machen, damit es ĂĽberhaupt Aufmerksamkeit verdient?“
Bei Jung von Matt und Ketchum hast du diesen Bereich dann aufgebaut. Wie hast du intern die Leute ĂĽberzeugt, die es nicht sehen wollten?
Sie vom Gegenteil überzeugt :) Ich habe mir immer Pionier-Teams geschnappt, die an einem Case gearbeitet haben: Expert:innen, Leute aus der “alten Kommunikationswelt”, Neugierige. Klick hat es dann immer gemacht, wenn sie selbst erfahren haben, wie Inhalte organische Reichweiten geschafft haben, weil sie mit den Menschen resoniert haben und nicht mit Massen an Mediabudget zwangsbeglückt wurden.
Eine deiner Kampagnen hat es bis zu einer Frage bei Wer wird Millionär geschafft. Lässt sich so ein Moment planen, oder ist der ehrlichste Teil davon Glück?
Planen kannst du so etwas nie, aber du kannst Parameter erkennen, definieren und darauf hinschneidern, die die Wahrscheinlichkeit für Viralität und PR-Erfolg erhöhen.
Was hast du aus den Jahren in der AgenturfĂĽhrung mitgenommen, das dir heute am meisten hilft, und was wolltest du bewusst hinter dir lassen?
„Menschen vertrauen Menschen.“
Genau dorthin fĂĽhrt neongreen. Was hat den Ausschlag gegeben, das Sichere aufzugeben und dein eigenes Ding zu starten?
neongreen nennst du bewusst attention consultancy, nicht Agentur. Was steckt hinter der Wortwahl, und was machst du dadurch anders?
Ich berate meine Kunden, wie sie die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppe für ihre Anliegen gewinnen können. Tatsächlich habe ich auch einen Gewerbeschein für Unternehmensberatung und lege mit Jahresende das Gewerbe der Werbeagentur zurück. Ich baue mit meinen Kunden im Personal Branding nicht nur Kommunikation und Positionierung, sondern auch Marketing- und Vertriebssysteme bis hin zu Dienstleistungs-Produkten. Für meine Corporate Kunden bin ich mit meinen Bold & Accoutable Workshops für performance-starke Marketing-Teams schon in der Organisationsentwicklung und wenn ich an Projekten mit Entrepreneurs und Konzernen rund um Markenentwicklung oder Kommunikationsstrategie arbeite, geht das bis ins Business Development. Aus dem Kampagnen-Geschäft bin ich mittlerweile gänzlich raus.
Wenn ein Kunde sagt, wir brauchen mehr Aufmerksamkeit: Was ist die erste unbequeme Frage, die du zurĂĽckstellst?
Was bist du gewillt, es anders als deine Branche zu machen, dass es ĂĽberhaupt Aufmerksamkeit verdient?
„Aufmerksamkeit verdienen beginnt mit aufmerksam sein.“
Ein groĂźer Teil deiner Arbeit sind Personenmarken fĂĽr CEOs und GrĂĽnder. Warum reicht es heute nicht mehr, dass die Firma sichtbar ist, sondern der Mensch dahinter mitmuss?
Menschen vertrauen Menschen. Alle Business-Entscheidungen basieren nie alleine auf Expertise, sondern auf Vertrauen in die jeweiligen Personen. Wie denkt die Person, wie handelt die Person, was sind ihre Werte? Das sind deine größten Verkaufsargumente, die gleiche seniorige Expertise haben mittlerweile – auch dank KI – viele. Und aus einer technischen Sicht: Alle Plattformen geben Personen wesentlich mehr organische Reichweite als Unternehmensprofilen. Es ist daher eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung: Ich bekomme viel mehr Output fĂĽr meinen Input, und wenn ich es richtig mache, auch noch viel mehr Outcome.
Viele Führungskräfte sträuben sich dagegen, weil es ihnen zu selbstverliebt ist. Wie holst du sie ab, und wo kippt Sichtbarkeit ins Peinliche?
Gutes Personal Branding spricht wenig über sich selbst, sondern über die Themen, die deine Zielgruppe beschäftigt. Diesen Perspektivenwechsel zu schaffen, ist oft der entscheidende Schritt, wenn ich mit jemanden zusammenarbeite.
Und Peinlichkeit finde ich gut, weil es oft bedeutet, du machst Dinge außerhalb der Norm und du nimmst dich selbst nicht zu ernst. Du musst dir nur stets die Frage beantworten können: Kann ich dahinterstehen, entspricht es meinen Werten.
Selfies und Event-Fotos auf Linkedin posten ist nur einer von 99 Wegen, um sichtbar zu werden. Es gibt fĂĽr jede Person ihren Kanal und Tone of Voice, der sich fĂĽr sie am nativsten anfĂĽhlt. Und das kitzle ich in meiner Arbeit heraus.
„Peinlichkeit finde ich gut, weil es oft bedeutet, du machst Dinge auĂźerhalb der Norm und nimmst dich selbst nicht zu ernst.“
LinkedIn-Ghostwriting heißt, jemand anderes schreibt in meiner Stimme. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Unterstützung und Fassade?
Zu allererst muss uns bewusst sein, dass wir alle im beruflichen Kontext eine Rolle ausüben und diese erst im zweiten Schritt mit unserer Persönlichkeit füllen. Die Business-Ziele, Unternehmenswerte, persönliche Werte und Charisma sind daher gemeinsam das Fundament, wenn ich jemandes Stimme für Linkedin oder jeden anderen Kanal entwickle.
Wir verarbeiten täglich 74 Gigabyte an Information, und Aufmerksamkeit gilt längst als neue Währung. Wie verhinderst du, dass Aufmerksamkeit um jeden Preis zu Lärm wird, den am Ende keiner mehr hören will?
Aufmerksamkeit verdienen beginnt mit Aufmerksam sein. Wenn du die Welt um dich aufmerksam wahr nimmst, wirst du immer Themen finden, zu denen du deine ehrlichen Gedanken teilen kannst und die auch Anschluss finden. Und ich untersage meinen Kunden AI Slop zu posten.
Du sagst, PR und Earned Media werden fĂĽr die Zukunft extrem wichtig. Wenn KI gleichzeitig jeden Feed mit beliebig viel Content fluten kann: Wird Aufmerksamkeit dadurch teurer oder billiger, und was wird dann der eigentliche Wettbewerbsvorteil?
Was sind die bestbewertesten Referenzen bei KI: Artikel von traditionellen Medien. ich erlebe in meinem PR-Umfeld gerade eine große Renaissance dadurch. Jeder kann mit KI gut werden, aber nur die wenigsten werden besser. Aber das sollte unser Anspruch sein. Und besser heißt in der Kommunikation relevanter und anschlussfähiger, weil es nicht nur um dich geht.
Danke für das tolle Gespräch, Doris!
Mehr über neongreen erfährst du hier.