Worin wir gut sind, reicht nicht immer.
Wir sind hĂ€ufig gut in Dingen, die zu uns passen. Aber wir sind nicht zwingend gut in allem, was zu uns passt â und nicht alles, worin wir gut sind, passt auch zu uns.
Jemand kann zum Beispiel sehr gut darin sein, Konflikte zu moderieren, weil er fruÌh gelernt hat, Spannungen in der Familie zu entschĂ€rfen. Diese FĂ€higkeit ist real. Aber sie muss deshalb noch lange nicht zu dem Leben passen, das dieser Mensch fuÌhren möchte.
Umgekehrt kann etwas sehr gut zu jemandem passen â Schreiben, Gestaltung, FuÌhrung oder die Arbeit mit Menschen â obwohl sie oder er darin anfangs vielleicht gar nicht besonders gut waren. Passung kann also Entwicklungspotenzial anzeigen und nicht nur vorhandene Kompetenz.
Die interessantere Frage lautet daher vielleicht nicht nur: Worin bin ich gut? Sondern: Was von dem, worin ich gut bin, passt tatsÀchlich zu mir?
By the way: Im Kern sind das Fragestellungen, die mir in verschiedensten Formulierungen immer wieder begegnen â vor allem bei jungen Menschen, die zu mir ins Coaching kommen. Und spĂ€testens hier wird es komplex. Denn was bedeutet eigentlich: zu mir passen?
Wenn es passt, passt es.
Bei der BeschĂ€ftigung mit Marken, Werbung und Sinnvermittlung bin ich irgendwann ziemlich tief in der psychologischen und philosophischen Sinnforschung gelandet. Das passiert offenbar, wenn man lange genug uÌber Werbung nachdenkt. Dabei tauchen in sehr unterschiedlichen Modellen erstaunlich Ă€hnliche Begriffe auf: Stimmigkeit, Passung und KohĂ€renz. Sinn scheint demnach weniger etwas zu sein, das irgendwo herumliegt und darauf wartet, von uns gefunden zu werden â um dann möglichst emotional formuliert und an eine Wand oder Plakatwand gehĂ€ngt zu werden. Er entsteht vielmehr im Zusammenspiel verschiedener Dinge: dem, was uns wichtig ist, unseren FĂ€higkeiten, BeduÌrfnissen und Zielen â und den Möglichkeiten und Anforderungen der Welt um uns herum. Passen diese Dinge einigermaĂen zusammen, entsteht Stimmigkeit. Und diese Stimmigkeit erleben wir positiv. Vielleicht ist das GefuÌhl, dass etwas âzu mir passtâ, also gar nicht so banal, wie es zunĂ€chst klingt.
Werte kann man haben. Interessant werden sie erst, wenn man sie lebt.
Wir alle können wahrscheinlich schnell aufzĂ€hlen, was uns wichtig ist: Familie. Freunde. Freiheit. Ehrlichkeit. Erfolg. Sicherheit. Selbstbestimmung. Verantwortung. Nachhaltigkeit. Respekt ⊠Das Problem dabei: Einen Wert gut zu finden, kostet zunĂ€chst einmal wenig. Persönliche Bedeutung entsteht erst dort, wo wir uns tatsĂ€chlich auf einen Wert einlassen und er zu einem gelebten Wert wird. So zum Beispiel ist Freiheit wichtig zu finden, etwas ganz anderes, als sein Leben so einzurichten, dass man Freiheit tatsĂ€chlich lebt und erlebt. Familie als Wert zu nennen ist etwas anderes, als am Dienstag um 16 Uhr das BuÌro zu verlassen, weil das Kind eine TheaterauffuÌhrung hat. Und Selbstbestimmung toll zu finden ist etwas anderes, als auf den nĂ€chsten Karriereschritt zu verzichten, weil man merkt, dass man dafuÌr ein Leben fuÌhren muÌsste, das man eigentlich gar nicht fuÌhren möchte. Wahrscheinlich entsteht genau dort Passung: wenn das, was wir fuÌr wichtig halten, einigermaĂen mit dem uÌbereinstimmt, wie wir tatsĂ€chlich leben.
Das Problem ist nur: Wir leben nicht allein.
Wir gleichen unser Leben nicht nur mit unseren eigenen Vorstellungen und Werten ab. Wir leben in sozialen Systemen: Familie, Freundeskreis, Unternehmen, Gesellschaft. Und diese Systeme haben ebenfalls ziemlich konkrete Vorstellungen davon, was erstrebenswert ist. Wir wollen dazugehören. Wir wollen anerkannt werden. Wir wollen von anderen als erfolgreich, sympathisch, kompetent oder was auch immer wahrgenommen werden. Es geht also auch um den Wunsch nach sozialer Anerkennung â den wir uns einmal mehr, einmal weniger stark eingestehen. Vielleicht erklĂ€rt das einen Teil der nicht seltenen Diskrepanz zwischen dem, was wir tun, dem, was wir gut können, und dem, was zu uns passt. Wir können Karriere machen, weil wir gelernt haben, was in einem bestimmten System als Leistung gilt. Wir können Verantwortung uÌbernehmen, weil andere uns darin gut finden. Wir können uns ein Leben aufbauen, das von auĂen betrachtet ausgesprochen gelungen aussieht. Und trotzdem können wir irgendwann feststellen, dass das alles irgendwie nicht das ist was wir wollen und was uns gluÌcklich macht. Das muss nicht gleich die groĂe Midlife-Crisis inklusive Sportwagen und Yogaretreat auf Bali auslösen. Es kann sich viel unspektakulĂ€rer zeigen: als Unzufriedenheit, Traurigkeit, Langeweile, fehlende Motivation oder schlicht als das GefuÌhl, dass etwas nicht mehr stimmt.
Und als wÀre das nicht kompliziert genug, verÀndern wir uns auch noch.
Was heute zu uns passt, muss das in zehn Jahren nicht mehr tun. Unsere Werte, BeduÌrfnisse und Möglichkeiten verĂ€ndern sich. Erfahrungen kommen hinzu, manches verliert an Bedeutung, anderes wird plötzlich wichtig. Stimmigkeit und Passung sind deshalb kein fixer Zustand. Sie entstehen immer wieder neu â abhĂ€ngig von Lebensphase, Situation und Kontext. Vielleicht kann man also nicht irgendwann endguÌltig herausfinden, âwer man istâ. Man kann aber immer wieder uÌberpruÌfen, ob das Leben, das man fuÌhrt, noch zu dem Menschen passt, der man mittlerweile geworden ist â und irgendwann einmal gewesen sein möchte. Das halte ich fuÌr die interessantere Aufgabe. Interessanterweise haben Marken ziemlich genau dasselbe Problem. Noch lĂ€nger als mit Menschen im Coaching beschĂ€ftige ich mich mit Marken. Und erstaunlicherweise haben beide oft dieselbe Fragestellung. Auch Marken haben eine Geschichte, bestimmte FĂ€higkeiten, Werte und eine (von ihren Erschaffern oder Pflegern definierte) Vorstellung davon, wofuÌr sie stehen. Gleichzeitig existieren Erwartungen von auĂen: von Kundinnen und Kunden, MĂ€rkten, Medien und Gesellschaft. Auch eine Marke kann deshalb hervorragend in etwas sein, das irgendwann nicht mehr zu ihr passt. Und auch Marken können anfangen, Dinge zu sagen, von denen sie glauben, dass andere sie gerne hören möchten â was aber gerade bei Werten oft schnell sichtbar wird. Eine Botschaft kann so völlig verstĂ€ndlich sein und trotzdem Misstrauen auslösen, wenn sie nicht zur Marke, zu ihrem Verhalten oder zu ihrer Geschichte passt. Dann entsteht schnell die Frage: Meinen die das wirklich â oder sagen sie nur, was gerade gut ankommt? VerstĂ€ndnis allein reicht also nicht. Es braucht vor allem gefuÌhlte Passung.
Und was hat das jetzt mit mir zu tun?
Und da wĂ€ren wir wieder bei der Passung. Und bei der Frage, mit der wir begonnen haben: Was von dem, was ich gut kann, passt tatsĂ€chlich zu mir? Ăbrigens eine Frage, die man sich gelegentlich stellen sollte. Tue ich etwas, weil es mir wirklich wichtig ist? Oder weil ich gelernt habe, dass es wichtig sein sollte? Oder weil jemand anderes es von mir erwartet? Die Frage âWorin bin ich gut?â richtet den Blick also primĂ€r auf unsere FĂ€higkeiten. Das ist ein guter Anfang. Vielleicht sollten danach aber ein paar weitere Fragen kommen: Was davon mache ich gerne? Was ist mir wirklich wichtig? Was gibt mir Energie? Was wuÌrde ich vielleicht anders machen, wenn Anerkennung keine Rolle spielte? Und wie möchte ich eigentlich leben?
Ich glaube nicht, dass am Ende dieser Fragen zwangslĂ€ufig die eine groĂe Antwort wartet â vielleicht ist das auch gar nicht notwendig. Stimmigkeit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie muss immer wieder neu entstehen. Vielleicht geht es also weniger darum, irgendwann endguÌltig herauszufinden, was zu einem passt. Sondern darum, hin und wieder nachzusehen, ob es noch passt.
PS: Ganz schön viele Fragen ⊠aber das haben Werber und Coaches wohl gemeinsam.