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Good At Kolumne: Alissia Passia

Die toxischste unserer Beziehungen ist oft die zu unserem Arbeitgeber. Trotz vieler Erfahrungen und gut gemeinter Ratschläge anderer bleiben wir oft beim selben Typus „Job“ hängen. Über eine Verbindung, die oft keine sein sollte, und den Bogen zu einer ungesunden Partnerschaft schreibt Alissia Passia in ihrer neuesten Kolumne.
Ein Meer von roten Flaggen

Es gibt zig Parodien über die Partnersuche, tausende von Vermeidungstaktiken, damit man die Red Flags bloß umgeht – und doch begegnen wir oft unserem größten Feind jeden Tag: dem Arbeitgeber. Warum die toxischste aller Beziehungen oft unvermeidbar ist und wir zum Wiederholungstäter werden, schreibt Alissia Passia.

Es soll sie geben, die rosaroten Jobgeschichten, bei denen es funkt und bis zum Renteneintritt, also fast Lebensende, auf einer butterzarten Wolke schweben lässt. Doch seien wir ehrlich, oft gleicht die Arbeitsverbindung einer Partnerschaft im Ungleichgewicht, bei der dieselben Alltagsmarotten und Probleme auftreten wie in einer echten, von Liebe getriebenen Beziehung.

Doch der Hase liegt bereits weit vorher im Pfeffer, oft klopft ein potenzieller Arbeitgeber bei uns an, wenn wir gerade frisch in einer neuen „Beziehung“ stecken. Die Verbindung ist noch so zart, dass sie der Wingman in Gestalt der HR, ohne Taktgefühl, dafür mit jeder Menge Honig im Gepäck, ins Ungleichgewicht bringen kann. Und kaum haben wir von der verbotenen Süße gekostet und sind total high von den Liebkosungen, sieht das Gras anderswo grüner aus, der „Partner“ scheint attraktiver als das, was uns gerade noch etwas Sicherheit, wenn auch kein Kribbeln im Bauch, bescherte. Schon sind wir wieder am Anfang, am Kennenlerntisch, bei dem sich unser Gegenüber nach bestem Nicht-Gewissen zu verkaufen scheint. Ein paar ausgeschmückte Wahrheiten nebst wohlklingenden Lügen auftischt und gern, gar nicht mal so selten, Geschichten von Verflossenen auspackt. Denn so wie auch der neue Partner hat der Arbeitgeber selten mit dem Vorgänger abgeschlossen und tritt eifrig hinterher. Wäre doch gelacht, wenn sich da nicht noch irgendeine Marotte preisgeben ließe, bloß, damit wir möglichst schlecht von diesem Irgendjemand denken, was auch immer uns das bringt, dem Arbeitgeber zumindest keine Plus-Punkte. Nach dem ersten Date stehen wir oft vor einer imaginären Pro-und-Kontra-Liste, vieles hat uns gefallen, manches gar nicht und vielleicht gibt es irgendwo da draußen doch noch diesen „Mister Perfect“ mit den ach so goldenen Perspektiven statt des Strahlelächelns und der wohlklingenden Komplimente, die sich als Gehalt auf unserem Bankkonto spiegeln.

 

Wir suchen vom Automatismus der Lebens-SchlĂĽsselmomente getrieben den Fehler bei uns

Und schon stürzt man sich rein, in das neue, wilde Abenteuer, gespannt, gebannt, auch etwas benommen und erwacht bereits in der ersten Woche aus diesem Nebel süßen Scheins. Während manche erst mal abwarten, werden andere ungemütlich, bitten um ein klärendes Gespräch, während das Gegenüber sich zwischen Abwesenheitsnotizen und hinter seinem Wingman versteckt. Er habe zu tun, sei gerade unpässlich, man sitzt die Probleme lieber aus, anstatt sie anzugehen, und wir, die erfolgreich an der Angel hängen, würden uns am liebsten gleich auf die Schnur um den Hals legen oder wünschen, wir wären bereits beim ersten verbalen Schmusen am Köder erstickt. Doch nun sitzen wir hier, haben die Probezeit im Blick, sehen es als Versuch, als Kennenlernen, obwohl wir gefühlt schon knietief in der Misere stecken. Weil wir wissen, dass das, was sich bereits nach Tagen nicht gut anfühlte, auch nicht besser werden kann. Wir suchen vom Automatismus der Lebens-Schlüsselmomente getrieben den Fehler bei uns, anstatt beim anderen, schließlich gibt er uns durch Gaslighting und Ghosting das Gefühl von kläglichem Versagen und Problemsein. Wir rotieren gedanklich bereits im niemals endenden Teufelskreis, denn diese Situation kennen wir, vielleicht schon öfter erlebt, wir scheinen immer auf diesen einen Typen Arbeitgeber reinzufallen. Den, den wir eigentlich nie wollten, uns aber in einem schwachen und willenlosen Moment erwischte. Oder der, der uns mit guten Argumenten überzeugte und sein wahres Gesicht erst nach Vertragsunterzeichnung preisgibt. Manche sitzen diese Situationen einfach aus, irgendwann wird es schon besser werden, zumindest ein wenig, man ist genügsam geworden mit der Zeit. Andere, dazu zähle ich mich, werden unbequem, wenn sie das Unheil bereits immer näher kommen sehen und Gespräche zu einseitigen Monologen werden oder die Gegenseite komplett verstummt.

Das Gras, das uns schon so oft etwas vorgegaukelt hat und doch immer wieder voller Versprechungen ist

Egal, ob es der Bereich ist, der unser neues Schaffensfeld, aber kein Wunschkonzert sein soll, eine Bemerkung im ersten Gespräch, die uns bereits sauer aufstieß, oder das Gehalt, das von Wertschätzung weit entfernt ist, irgendwas scheint nicht ganz rund, fühlt sich nicht gut an. Doch wir reden es uns schön, beten den inneren Monolog von „den perfekten Job gibt es nicht“ zum abertausendsten Male hinunter und versuchen doch am Ende, aus einem Brocken Nichts das Idealbild zu formen. Erfolgversprechend? Wohl eher zum Hinunterspülen im Klo, aber die Masse wird modelliert, bis es kein Morgen gibt oder doch irgendwo, wenn auch nicht ganz nah, etwas am Horizont schimmert: Das Gras, das uns schon so oft etwas vorgegaukelt hat und doch immer wieder voller Versprechungen ist. Es wird besser sein, oft gar ein Kinderspiel, ein Ausweg oft mitnichten. Und nun, worauf warten wir? Den perfekten Partner, den Seelenverwandten in Jobgestalt? Nein, wir nehmen das, was im Angebot ist, und manchmal macht es glücklich, wir haben es in der Hand, manchmal auch nicht. Mimen zwischenzeitlich das dressierte Hündchen, das nach Aufmerksamkeit mit der Ausdauer eines Golden Retrievers giert. Möchten gefallen, dem anderen ein Lob entlocken, wenigstens eine Geste der Anerkennung, bloß ein wohlwollendes Nicken mit jeder Menge Interpretationsspielraum. Gehen über die berühmte Extrameile an unsere eigenen Kraftreserven und schlucken literweise statt Honig den Saft bitterer Realität. Bis das Meer an roten Flaggen unübersehbar wird und uns im Antlitz unseres geschundenen Selbst bewusst wird, wer wir einst waren. Vom grünen Gras des Nachbars naschend.

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