Was treibt euch an? Worin seid ihr gut?
Was uns antreibt und worin wir gut sind: Der Wirklichkeitssinn und der Möglichkeitssinn.
Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, schreibt Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, „muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“
„Man sieht“, heißt es bei Musil weiter, „dass die Folgen solcher schöpferischer Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt und wohl auch beides als gleichgültig.
Was unterscheidet euren Beratungsansatz von anderen Agenturen, und warum ist das relevant? Wie sieht das in Realität aus?
Wir kommen, um zuzuhören und zu lernen. Wir sind im Verdichtungsbusiness. Um Dinge zu verdichten, muss man nicht selber etwas erfinden, sondern herausfinden, was der Kern einer Sache ist und daraus eine tragfähige Story machen.
Wir verbinden Marketing mit Innovation. Innovation bedeutet: Make things people want. Marketing bedeutet: Make people want things. Eine Kampagne kann auch ein neues Produkt oder Service sein, das wir gemeinsam mit dem Kunden entwickeln – wenn es hilft, unsere Marke weiterzubringen.
„Wir kommen, um zuzuhören und zu lernen. Wir sind im Verdichtungsbusiness.“
Wie würdet ihr euren Zugang zu Markenarbeit in einem Satz beschreiben, ohne Buzzwords?
Wir geben Träumen eine Gestalt und Ideen eine Richtung.
Oder auch:
Radikal du: Nichts rechtfertigen. Lieb sein. Frei sein. Du sein
Gab es einen Moment, in dem euch klar wurde: So wie früher funktioniert das nicht mehr?
Mehrere – und ein besonders schöner: Als das erste iPhone 2007 herauskam, traf ich Michael John, den Gründer von Loop. Loop war damals bekannt für Websites, die mit Flash programmiert waren. Am iPhone war Flash von Apple gesperrt. »Was sagst du zum iPhone, lieber Michael.« fragte ich. Michael antwortete: »Flash ist tot. Ab morgen machen wir alles ohne Flash.« Flash weg, Mobile Websites her – über Nacht hat Michael John seine Agentur komplett umgestellt.
Was beobachtet ihr gerade, in der Branche, bei euren Kundinnen und Kunden, bei euch selbst?
Die Sehnsucht nach Orientierung und das Ringen nach Klarheit.
„Wir geben Träumen eine Gestalt und Ideen eine Richtung.“
Welche strategischen Prinzipien braucht es heute, damit Marken langfristig relevant bleiben?
Ziele und Nicht-Ziele.
Does und Don’ts.
Einfachheit und Klarheit.
Geduld.
Keine Manuals, sondern prägnante Orinetierungshilfen. So wie das Schild für die Kellnerinnen eines Steak-Restaurants: »Is it hot? Are you proud to serve it?«
Wie sieht für euch Zusammenarbeit auf Augenhöhe aus, mit Teams, mit Kundinnen und Kunden, mit Partnerinnen und Partnern?
Unser bevorzugtes Format sind Design Sprints nach Jake Knapp. Da wird alles im Dialog und innerhalb eines fixen Rahmens gemeinsam mit dem Kunden entwickelt.
Gibt es Prinzipien, an denen ihr festhaltet, auch wenn sie unpraktisch oder unwirtschaftlich erscheinen?
Ja, wir nehmen an Awards teil. Das ist unwirtschaftlich und etwas aus der Zeit gefallen – trotzdem halten wir daran fest. Vermutlich aus Eitelkeit und weil wir uns nicht völlig von der schönen, alten Werbewelt lösen wollen.
Was braucht ihr intern, um richtig gute Arbeit zu machen, und was steht dem manchmal im Weg?
Wir brauchen Vertrauen.
Uns lähmt Micro-Management.
Wie fördert ihr Kreativität und Innovation innerhalb eures Teams?
Jede Woche stellt ein Teammitglied ein tolles Projekt vor und erklärt, was diese Person an dem Projekt toll findet. Wir diskutieren das im Team und jurieren Awardprojekte für uns selbst aufs Neue.
„Innovation bedeutet: Make things people want. Marketing bedeutet: Make people want things.“
Wie nutzt ihr technologische Innovationen (KI), ohne eure Haltung als Marke oder Beratung zu verlieren?
Leider noch nicht mit gemeinsamen Standards sondern immer noch auf Basis von Trial und Error. Macht zwar Spaß, kosten aber viel Zeit.
Welche Rolle spielen gesellschaftliche und ökologische Aspekte in eurer Arbeit, und wie integriert ihr sie konkret?
Der gesellschaftliche Kontext und die mit ihr verbundene Veränderung ist ein mächtiges Sprungbrett für die Markenentwicklung. Wer hoch springen will, braucht ein Sprungbrett.
Welche aktuellen Entwicklungen im Marketing inspirieren oder irritieren euch, und wie geht ihr damit um?
Die Unfähigkeit der Branche, sich auf vernünftige Standards in Sachen Pitches zu verständigen.
Woran macht ihr den Erfolg eurer Arbeit fest, abseits von Reichweite oder Umsatz?
Ob ehemalige Mitarbeiter*innen bei tollen Unternehmen Karriere machen, wenn sie weggehen – und sie sich dann immer noch von Zeit zu Zeit melden.
Wenn ihr in fünf Jahren auf diese Zeit zurückblickt, was hofft ihr, werdet ihr dann anders oder besser gemacht haben?
Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Momentan ändert sich in fünf Wochen so viel – mit fünf Jahren bin ich echt überfordert.
Danke für das Gespräch, Christian!
Beitragsfoto © Johanna Bernauer